Smartphone vs. Kamera
Meinung

Smartphone vs. Kamera – wie sinnvoll ist diese Diskussion?

Kai

Ausgelöst durch ein Video von Tony Northrup, das ich bei Twitter gepostet habe, entstand dort eine rege Diskussion. Im Video geht es eigentlich um die Ankündigung des Canon CEOs die Neuentwicklung von DSLRs einzustellen. 

In meinem Tweet hatte ich aber einen Punkt aus dem Video herausgenommen und schrieb:

»Ich teile die Meinung von Tony Northrup: Wenn die Antwort der Kamera-Hersteller auf das Smartphone nur „größeres Bajonett & Spiegel weg“ ist, reicht das nicht. Menüs & Apps sind eine Katastrophe, Konnektivität ist eine Katastrophe, kein interner Speicher…«

@kaikutzki

Die Kommentare drehten dann schnell in eine Grundsatzdebatte über die Konkurrenz zwischen Smartphones und Kameras. Einige der Beiträge möchte ich noch einmal etwas ausführlicher aufgreifen.

Was gibt es zu kritisieren?

In der Twitter-Diskussion wurde argumentiert bei den (professionellen) Kameras sei traditionell die Bildbearbeitung auf dem Gerät nicht vorgesehen. Zuerst wurden Filme im Labor entwickelt, dann RAW-Dateien am Computer. Nils Pooker hat das in einem Tweet ganz gut zusammengefasst:

»Großes, interessantes Thema. Die kamerabasierte Fotografie hat eine fast 200jährige Geschichte, davon profitiert die Kameraindustrie auch (noch), weil es eine Konstante der fotografischen Praxis gibt. Dazu gehört, dass sie primär auf Postproduktion setzt.«

@pookerman

Tatsächlich ist diese Trennung grundsätzlich sinnvoll. So erleichtert mir am Schreibtisch etwa ein 27 Zoll-Bildschirm die Bearbeitung. Den in eine Kamera einzubauen wäre aber natürlich absurd.

Und dennoch kann auch die Kamera einen Teil der Bildbearbeitung übernehmen. Und das tut sie ja auch jetzt schon. Da nicht jedes Pixel auf einem Sensor jede Farbe wahrnimmt, muss der Farbwert per Software zusammen mit denen der umliegenden Pixeln errechnet werden. Das sieht von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich aus. Wenn man JPGs fotografiert wird auch hier per Software dem Bild ein „Look“ gegeben. Bei Fuji kann man für die JPGs Film-Emulationen direkt in der Kamera verwenden. 

Warum sollte es dann nicht möglich sein das eigene Lightroom-Preset schon in der Kamera zu benutzen und die Bilder dann als JPG/HEIF auszugeben? Bei den spiegellosen Kameras könnte man so z.B. schon im Sucher sehen, wie das Bild später aussieht und gleich entsprechend fotografieren. Auf den Monitoren der Kameraleute beim Film sind solche sogenannten LUTs Gang und Gäbe. Allerdings nur als Vorschau, die LUT wird gewöhnlich nicht mit in die Datei geschrieben.

Das würde z.B. in der Hochzeits-, Presse- und Event-Fotografie, wo viele Bilder abgegeben werden müssen, viel Zeit sparen. Dann könnte man sich am Rechner darauf konzentrieren noch eventuelle Fehler bei Belichtung oder Ausschnitt auszugleichen und hat als Backup für die kniffligen Fälle gegebenenfalls noch das unbearbeitete RAW als Backup.

Automatik vs Freiheit?

Ein anderes Argument war, dass die Kameras einem beim Fotografieren alle Freiheit in die Hand geben müsse. Daher dürfe die Kamera keine Berechnungen und Automatiken im Hintergrund benutzen.

Das ist aus meiner Sicht Quatsch. Erstens nutzen die meisten Fotograf:innen eh schon Automatiken, zum Beispiel den Autofokus oder die Belichtungsautomatiken, zweitens bedeutet die Existenz eines Features ja nicht, dass ich es auch benutzen muss. Wer gerne alles manuell regeln möchte kann das ja tun.

Ein Beispiel dafür ist der HDR-Modus moderner Kameras. Klar lassen sich mit drei einzelnen Raws und der Rechenpower eines Computers noch bessere Ergebnisse erzielen. Aber die von der Kamera berechneten HDR-Bilder sind in vielen Fällen gut genug.

Ein weiteres Beispiel wäre so ein Astro-Modus wie im Google Pixel. Dort nimmt das Smartphone bis zu 4 Minuten lang mehrere Langzeitbelichtungen (bis 16s) auf und verrechnet diese dann. Das stärkere Rauschen und die geringere Lichtempfindlichkeit des kleineren Sensors werden dabei durch Software und lange Belichtungszeit ausgeglichen. Mit so einem Modus gäbe es für jemanden wie mich, der keine Lust hat sich mit Star-Trackern oder langen Photoshop-Berechnungen herumzuquälen, einen leichten Einstieg für sporadische Stern-Fotos.

Sprich: Automatiken machen einem das Leben leichter, wenn man nicht zwingend jeden Parameter bestimmen muss oder möchte. Man muss sie nur zu seinen Gunsten zu nutzen wissen. Zudem könnten Kameras auch mit Automatiken eine bessere Bildqualität liefern als Smartphones mit ihren kleinen Sensoren. Vielleicht ist das aber auch nur meine pragmatische Herangehensweise an die Fotografie und du siehst das ganz anders.

User Experience!

Die User Experience (UX oder auf Deutsch „Nutzungserlebnis“) war ein weiteres Thema, um das sich viele Antworten auf meinen Tweet drehten. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum die Smartphone-Apps der Kamerahersteller so schlecht sind. Es ist sehr mühsam überhaupt erstmal eine Verbindung zustande zu bringen und dann kann man nicht mal RAW-Bilder von der Kamera auf das Smartphone ziehen, obwohl die teilweise dort auch bearbeitet werden können. Bei der 5D Mark IV (Testbericht) musste ich sogar die Wifi-Verbindung wieder beenden, damit ich die RAW-Datei auf der Kamera in ein JPG umwandeln konnte, um dann die Wifi-Verbindung wieder herzustellen und dann das JPG rüberzuschicken. Echt jetzt? So stellen die Kamerahersteller sich eine gute App vor? Die Verbindung sollte so einfach und gut funktionieren wie mit einem Bluetooth-Lautsprecher. Das wäre gute UX.

Markus schrieb völlig richtig: »Kamerahersteller vs Smartphonehersteller ist wie deutsche Auto-Hersteller vs. Tesla.«

Und ja, eine solche Wifi-Anbindung ist total sinnvoll! In manchen Momenten zählt eben Geschwindigkeit. Und wenn ich ein auf einer Hochzeit ein Gruppen-Bild per Knopfdruck an der Kamera ans Smartphone senden könnte um es dann per Messenger an die Trauzeugin zu verschicken, die es dann in die WhatsApp-Gruppe der Brautjungfern weiterleitet, würde ich es tun! Bessere Eigenwerbung gibt es nicht.

Die Hardware ist in die aktuellen Kameras eingebaut, daher habe ich kein Verständnis dafür, dass die Anbindung so schlecht ist. An Software-Entwickler-Kompetenz kann es auch nicht mangeln, wenn man sich die Fortschritte beispielsweise beim Autofokus oder den Videofeatures ansieht.

Weiter geht es bei Menüs und Touchscreen. Die Menü-Einträge bei meiner neuen EOS R6 sind rein auf die Bedienung per Joystick oder Steuerrad ausgelegt. Sie sind zwar ganz okay per Touch-Eingabe benutzbar, aber nicht gut. Bei der Sony A7 III eines Freundes kann man nicht mal im Liveview per Touchscreen die Blende oder den ISO verändern. Von den berühmt-berüchtigten Sony-Menüs brauchen wir gar nicht erst reden. Das einzige wirklich auf Touch-Bedienung ausgelegte Menü bei einer Kamera habe ich bei der Hasselblad X1D gesehen. Bei Fujis GFX-Kameras geht das an einigen Stellen auch schon in eine gute Richtung. Aber auch bei diesem Punkt gilt wieder: Die Hardware ist da, warum wird sie so schlecht genutzt?

Erik argumentierte, dass die Hersteller mit besserer UX wohl keine User mehr vom Smartphone zurückgewinnen würden und sich deshalb gar nicht erst bemühen und das Geld sparen. Das mag stimmen, vielleicht würden sie aber User von anderen Marken gewinnen. Und das ist in einem so hart umkämpften und schrumpfenden Markt auch sehr viel wert.

Was sollte verbessert werden?

Nun ist es immer leicht Dinge zu kritisieren. Daher möchte ich hier einmal sammeln, was ich mir von zukünftigen Kameras wünschen würde:

1. Looks auf der Kamera

Das habe ich oben schon erklärt: Eine Möglichkeit mein Lightroom-Standard-Preset direkt auf JPEGs oder die Vorschau anzuwenden

2. Regelmäßige Updates

Hier sind die Hersteller in den letzten Jahren schon deutlich besser geworden. Für meine Canon R6 gab es zum Launch der R3 zum Beispiel ein Firmware-Update mit Fahrzeugerkennung im AF. Vorher wurde auch schon C-Log3 zur Verfügung gestellt. Fuji und Sony haben das jahrelang vorgemacht, schön dass die anderen jetzt endlich nachziehen.

3. Funktionieren Wifi-Anbindung und Apps

Per Knopfdruck an der Kamera ein Bild übertragen – das wär’s!

4. Bessere Touch-Fähigkeiten

oben schon erklärt. Und gleichzeitig die guten mechanischen Knöpfe erhalten! Die sind für andere Aufgaben, zum Beispiel beim Fotografieren durch das haptische Feedback blind bedienbar. Nicht wie bei der EOS R mit dem Touchbutton.

5. Kleiner App-Store

Wie cool wäre es, wenn es einen kleinen App-Store gäbe, der auch für Fremdentwickler geöffnet würde. Dann könnte Magic Lantern offiziell angeboten werden. Oder eine Timelapse-App mit mehr Möglichkeiten auf die Kamera geladen werden. Oder für alle, die das möchten, ein nur auf Touch-Bedienung ausgelegtes Menü. Oder, oder oder…

6. Mehr individuelle Ergonomie

Zugegeben, Canon und Nikon sind in Sachen Ergonomie der Bodies sehr sehr gut. Selbst Sony weicht bei den neueren Modellen vom kantigen Design immer mehr ab. Dennoch frage ich mich, warum beispielsweise für die EOS RP eine schöne simple Griffverlängerung* angeboten wird, für die R5 und R6 aber nur der große und schwere Batteriegriff*. Zum Glück gibt es Anbieter wie Smallrig, die in die Bresche springen. Der für die Nikon Z fc (Testbericht) könnte auch von Nikon sein, so gut passt er sich an. Meist gibt es dann noch sinnvolle Zusatzfeatures, wie eine integrierte Arca-Platte.

Gerade bei den Profi-Modellen, die oft viele Stunden in der Hand liegen, wäre es angebracht über Individualisierungsmöglichkeiten nachzudenken. Jetzt wo die Bodies etwas kleiner geworden sind könnte man etwa den Griff aus Plastik in drei verschiedenen Größen oder Formen dem Body beilegen. Dann probiert man alle drei aus und schraubt sich den dran, der einem am besten liegt.

Mit 3D-Druck wäre es vermutlich sogar möglich komplett individuelle Griffe anzubieten, wie ich es zum Beispiel bei meinen maßgefertigten Kopfhörern schon nutze.

7. Andere Objektive

Die drei großen Hersteller bieten zu ihren Kameras meist zwei Objektivlinien an: Die teuren, schweren, perfekten Profi-Linsen und die etwas günstigeren und leichteren Optiken für geringere Ansprüche. Beide sind aber an möglichst perfekten Bildern orientiert und die Looks dementsprechend langweilig und/oder austauschbar.

Mit den seit Jahren anhaltenden Retro-Trends wäre aber eine weitere Objektivlinie cool: Retro-Objektive mit etwas mehr Charme, aber trotzdem moderneren Features wie Autofokus, EXIF-Daten oder elektronischer Blendensteurung. Im Moment gibt es nur modern und Perfekt, oder Retro/Altglas mit schlechter Bedienung. Einzig Zeiss bietet zwei Objektive in der Classic Serie an, allerdings nur mit manuellem Fokus. Da kann man genauso gut eine ältere Zeiss-Linse adaptieren.

Im Video-Bereich gibt es solche Objektive schon, z.B. von Sigma. Die haben ihre Cine-Festbrennweiten in einer Classic-Version herausgebracht, bei denen die Beschichtungen der Gläser entfernt wurden. Allerdings gibt es die nur in einem Set aus allen 10 Linsen für knapp 50.000€. Aber vielleicht irre ich mich auch und solche Objektive sind im Fotobereich absolute Ladenhüter.

8. Videoaufnahme per USB auf Festplatten

Einige Videokameras, wie die Blackmagic Pocket Cinema Camera bieten bereits an Videos direkt per USB-Kabel auf SSD-Festplatten zu schreiben. Das erleichtert in der Videoproduktion den Workflow enorm, da das gleiche Medium am Computer verwendet werden kann.

Fazit

Ja, das ist alles wirklich Gejammer auf hohem Niveau. Tatsächlich gibt es von den großen Herstellern aktuell kaum noch schlechte Kameras. Dennoch gibt es meiner Meinung nach noch Luft nach oben. Und ich halte es auch für wichtig zu artikulieren, was nicht so gut läuft.

Den ständigen Vergleich von Smartphone und Kamera halte ich aber für nicht zielführend. Die meisten Menschen, die in der Vergangenheit ihre Schnappschüsse mit Kompaktkameras oder Einsteiger-DSLR fotografiert haben sind schon jetzt komplett auf das Smartphone umgestiegen. Alle die jetzt noch Kameras benutzen, tun dies wegen der Bildqualität oder weil sie die Handhabung oder den Workflow gegenüber dem Smartphone bevorzugen. Und die Mehrheit dieser Kamera-Fotograf:innen nutzt zusätzlich das Smartphone. Es gibt also gar kein wirkliches Entweder-Oder, sondern ein und. Allein deshalb halte ich die Verknüpfung von Smartphone und Kamera für wichtig. Und gleichzeitig können die Kamerahersteller von den vielen Entwicklungen im Smartphone-Markt lernen, besonders in der Computational Photography.

Hast du auch noch ein paar Ideen, was bei den aktuellen Kameras noch verbessert werden sollte? Dann schreib es gerne in die Kommentare oder verlinke meinen Account bei Twitter. Ich liebe solche Diskussionen!

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