Testbericht Sigma 50mm F1.4 DG HSM Art
Objektive

Sigma 50mm F1.4 Art im Langzeit-Testbericht

Kai

Als das Sigma 50mm F1.4 DG HSM Art, wie es mit vollem Namen heißt, im Jahr 2014 auf den Markt kam, waren die meisten (Hochzeitsfotografie-)Kolleg:innen mit Canon und Nikon DSLRs unterwegs. Sony und Fuji waren noch nicht so stark vertreten. In den damaligen Tests wurde es besonders für seine hohe Auflösung und das weiche Bokeh gelobt. Auch als Konkurrent des knapp fünf mal so teuren Zeiss Otus 55mm wurde es gehyped. Das halte ich aber allein schon wegen des fehlenden Autofokus nicht vergleichbar.

2023 noch das Sigma 50mm Art? – Langzeit-Testbericht

Gekauft habe ich es 2015 als Ersatz für ein irreparables Canon 50mm F1.4, das ich seitdem zum Freelensen einsetze. Ich brauchte allerdings eine Weile, um mich mit dem Sigma anzufreunden, auch wenn die optische Qualität deutlich besser war als beim Canon. Für Hochzeitsreportagen habe ich damals viel lieber das 35mm Art eingesetzt. Inzwischen fotografiere und filme ich aber auch viel im Studio und seitdem wandelt es sich immer mehr zu meinem Lieblingsobjektiv – auch auf Hochzeiten. Es ist also höchste Zeit für einen Erfahrungsbericht aus fast 8 Jahren Praxis.

Noch ein Hinweis: Sigma hat für das L- und E-Bajonett inzwischen ein für spiegellose Kameras überarbeitetes Nachfolgemodell vorgestellt. In diesem Test geht es aber um das ältere Modell, das für DSLRs entwickelt wurde.

1. Konzept

Sigmas Art-Serie steht für optisch hochwertige, moderne und vor allem lichtstarke Objektive mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Um diesen Spagat hinzubekommen verzichtet Sigma auf einige Pro-Features, wie Wetter-Abdichtung und ein Metallgehäuse. Auch auf sehr aufwändige Vergütungen und spezielle – sprich teure – Gläser, die etwa bei einigen neueren Canon RF-Objektiven zu finden sind, muss verzichtet werden.

Das Sigma 50mm F1.4 DG HSM Art mit Gegenlichtblende
Das Sigma 50mm F1.4 DG HSM Art mit Gegenlichtblende

2. Ausstattung, Verarbeitung und Handling

Das Bajonett ist aus Metall, das Gehäuse aber größtenteils aus Kunststoff. Es wirkt trotzdem robust und bis auf ein paar kleinere Schrammen und Abnutzungsspuren hat es bis jetzt meinen nicht sehr pfleglichen Umgang sehr gut ertragen. Zwischendurch habe ich das Gummi des Fokusrings einmal mit einem Pflegemittel behandelt, da das schon etwas abgegriffen aussah. Das ist aber bei jedem Gummi so, da die Weichmacher mit der Zeit entweichen.

Einziger Schwachpunkt: Die Raste der Gegenlichtblende ist inzwischen abgenutzt, sodass die Blende beim Festdrehen nicht mehr richtig hält. Das konnte ich aber mit einem kleinen Streifen Gaffer-Tape beheben und lasse die Blende jetzt meist auf dem Objektiv.

Für eine Normalbrennweite ist das Sigma 50mm Art wegen seiner aufwändigen Konstruktion relativ groß. Mit gewogenen 813g (Hersteller 815g, 857g mit Gegenlichtblende) ist es zudem nicht gerade ein Leichtgewicht, im Gegensatz zum 85mm Art (1130g laut Sigma) aber erträglich. An einer Vollformat-Spiegelreflex, wie der Canon 5D Mark IV fühlt es sich genau richtig ausbalanciert an, mit der Canon R6 ist es auch noch okay. Allerdings gebe ich nicht so viel auf diese Balance-Vergleiche, weil ich die Kamera eh meist mit zwei Händen bediene und dabei mit einer Hand das Objektiv halte.

Mit im Lieferumfang waren die angesprochene Gegenlichtblende, ein taschenartiger Köcher und die beiden Deckel.

3. Autofokus

Der Autofokus funktioniert reibungslos, leise und präzise. Natürlich gibt es wie bei jedem Objektiv manchmal im Gegenlicht Schwierigkeiten. Im Studio gibt es gar keine Probleme. An den spiegellosen R6 und R5 sitzt der Fokus bauartbedingt noch häufiger perfekt als bei der 5D Mark IV oder meiner alten 60D.

Die Geschwindigkeit ist für meine Bedürfnisse gut. Ich habe noch nie ein Bild verpasst, weil der AF zu langsam war. Die neue Version des Objektivs soll sogar noch schneller sein.

Einziges Manko: Der Autofokus ist bei Videos mit einem Mikrofon auf der Kamera deutlich hörbar. Zwar nutzt das 50mm Art einen Ultraschallmotor für den Autofokus, dessen Bewegungen übertragen sich aber bei Videoaufnahmen ans Kameragehäuse. Auch mit dem eingebauten Low-Cut-Filter des Røde Videomic Pro bei 80 Hz lässt sich das nicht ganz entfernen. Für Videoproduktionen nutze ich deshalb eine Funkstrecke mit Lavalier-Mikrofon, wenn ich beim Filmen den AF nutzen und guten Ton haben möchte. Beim Fotografieren oder Filmen ist der Autofokus für das Ohr allerdings nur durch ein leises Rauschen wahrnehmbar.

3. Bildqualität

Kommen wir zur wichtigsten Eigenschaft eines Objektives – der Bildqualität. Und da Bokeh besonders bei diesem Objektiv oft eine Rolle spielt, geht es als erstes darum.

Bokeh

Das Bokeh ist sowohl im Vordergrund, als auch im Hintergrund sehr weich. Bei Offenblende und an der Naheinstellgrenze ist es mitunter so weich, dass kaum noch Hintergrund zu erkennen ist.

Sigma 50mm Art – Bokeh bei F1.4
Sigma 50mm Art – Bokeh bei F1.4

Bis ungefähr Blende 5.6 gehen die Kreise schön weich ineinander über, dann bekommen sie immer mehr einen leichten „Seifenblasen-Rand“.

Sigma 50mm Art – Bokeh bei F5.6
Sigma 50mm Art – Bokeh bei F5.6

Bei Blende 16, der kleinsten Blendenöffnung, sind die Bokeh-Kreise noch immer weich auslaufend. Insgesamt sorgt das für einen sehr natürlichen Look, der meinem Empfinden nach dem menschlichen Sehen relativ nahe kommt.

Sigma 50mm Art – Bokeh bei F16
Sigma 50mm Art – Bokeh bei F16

Die weichen Übergänge führen gerade bei eher geöffneter Blende zu sehr ruhigen Hintergründen. Der Übergang vom scharfen in den Unschärfebereich ist auch sehr weich, und das prädestiniert dieses Objektiv geradezu für Portraits. Auf dem folgenden Bild kann man das ganz gut erkennen: Die Wimpern sind im Fokus und die Schärfe läuft dann langsam am Ohr aus.

Bei F2.2 ist der Hintergrund schon sehr weich verschwommen

Auch in der Reportage-Fotografie, wie zum Beispiel bei Hochzeiten, ist das sehr hilfreich, da man dort den Hintergrund nicht immer beeinflussen kann. Im Zweifel öffnet man einfach die Blende und bekommt so mehr Freistellung und ertränkt störende Elemente in Unschärfe.

Sehr unruhiger Hintergrund durch offene Blende (F2.0) entschärft

Gleiches gilt auch für Elemente im Vordergrund. Auch die verschwimmen schön in Unschärfe und damit lässt sich so gut räumliche Tiefe erzeugen.

Sigma 50mm Art bei F2.2
Sigma 50mm Art bei F2.2

Flares

Die Flares des Sigma 50mm Art mag ich nicht so gerne. Die modernen Vergütungen reduzieren zwar die Flares insgesamt sehr gut, bei Sigma sind die Reflektionen sobald eine helle Lichtquelle im Bild ist aber meist lila oder türkis, was ich oft sehr störend empfinde. Gerade für warme Lichtstimmungen, zum Beispiel bei Sonnenuntergängen, wäre eine warme rote/orange/gelbe Vergütung viel harmonischer als eine kühle.

Unbearbeitetes Bild, die Flares stören bei der Orange in lila/grün/blau sehr

Mit der Sonne selbst geht das Objektiv sehr schön um. Es gibt keine häßlichen ausgefransten Sonnensterne an Punktlichtquellen.

Bei diesem großen grünen Ring-Flare bin ich mir unsicher, ob er vom Objektiv oder vom Black Pro Mist-Filter kommt, den ich hier verwendet habe.

Wenn man die Gegenlichtblende in der Tasche und die Sonne knapp außerhalb des Bildes lässt, kann man aber sehr schön mit den Flares arbeiten und eine schöne Sommer-Stimmung erzeugen. Aber auch bei diesem Bild stört die grüne Reflektion am unteren Bildrand. Allerdings lässt sich sie hier gut wegstempeln.

Sommerliche Flares am oberen Bildrand, unten noch der auffällige grüne Flare.

Farben/Look

Die Farben des 50mm würde ich als sehr neutral beschreiben. Das 50mm hat – wie alle Sigma Art-Objektive – einen modernen, klaren, zurückhaltenden Look. Die Farben sind weder zu warm, noch zu kühl. Dadurch ist das Objektiv sehr vielseitig und bietet eine gute Grundlage für die Nachbearbeitung, ist aber manchmal schon etwas zu langweilig. Wie alle großen Hersteller strebt Sigma an möglichst perfekte Objektive zu produzieren. Daher werden diese sich zwangsläufig immer ähnlicher. Wer also einen Retro-Look oder ein „Charakterobjektiv“ sucht ist beim Sigma 50mm Art falsch.

4. Das Sigma 50mm F1.4 Art im Einsatz

Das 50mm Art hat bei mir viele Aufgaben: Im Studio setze ich das Objektiv vornehmlich für Portraits und Produktfotografie ein. Dort erledigt es seinen Job perfekt.

Sowohl bei den Portraits, als auch bei den Produktfotos sollte man aber nicht zu nah ans Motiv herangehen, da es sonst Brennweiten-bedigt etwas verzerrt wird. Für Nahaufnahmen ist ein Macro wie das Canon EF 100mm F2.8 L(Testbericht) manchmal besser geeignet.

Auch on location eignet sich das Sigma natürlich super für Portraits.

Environmental Portrait mit dem 50mm Art F1.4 von Sigma
F4.5 – Tobi mit seinem Käfer
linsensch.eu – Hochzeitsfotos am Dreimädelhaus Kirchseelte
Auch für die Brautpaar-Portraits ist das 50mm Art gut geeignet, hier am Dreimädelhaus Kirchseelte

Bei Hochzeiten ist das 50mm Art immer dabei. Zwar bevorzuge ich für den größten Teil des Tages die Kombination aus 35mm und 85mm, es gibt aber immer wieder Situationen, in denen das 50mm brilliert. Das gilt vor allem für Gruppenbilder, die Paar-Portraits und die Gratulationsbilder. Auch für die Fotos der Dekoration ist es sehr gut geeignet. Mehr dazu im Artikel Mein Hochzeitsfotografie-Equipment 2022.

In wenig beleuchteten Räumen ist das 50mm Art super für die Fotos der Deko

Während der Gratulationen der Gäste gibt es viele schöne Momente in sehr kurzer Zeit. Dafür hat das 50mm genau den richtigen Bildwinkel. Ich stehe damit weit genug weg, um die Gäste nicht zu stören und gleichzeitig bin ich nah genug dran um mich auf Braut oder Bräutigam mit einer gratulierenden Person zu fokussieren. Ich schwenke dann zwischen Braut und Bräutigam hin und her, sodass es nicht zu langweilig wird. Mit dem 35mm hätte ich Braut und Bräutigam gleichzeitig plus je einer gratulierende Person drauf, was meistens zu viel ist.

5. Alternativen

Lichtstarke Normalbrennweiten gibt es für jedes Kamerasystem und von vielen verschiedenen Herstellern. Deswegen beschränke ich mich hier auf die Vollformat-Objektive mit Autofokus und einer Blendenöffnung von mindestens F1.4.

Für Canon RF gibt es derzeit keines in der mittleren Preisklasse des Sigma. Das EF 50mm F1.2 ist wohl die naheliegenste Alternative und ist gebraucht bei Händlern inzwischen für unter 1000€ zu bekommen. Dessen Look ist ist etwas wärmer und es hat schöne rote Flares. Daher überlege ich aktuell mir das noch zusätzlich zu kaufen. Allerdings ist sein AF auch deutlich langsamer als der des Sigma 50mm. Mit dem Adapter lässt es sich aber ohne Einschränkungen an allen aktuellen Canon-Kameras nutzen.

Food-Foto eines Pestos, fotografiert mit dem Sigma 50mm Art
Food-Fotografie geht super mit dem Sigma Art. Mehr zur Entstehung des Bildes in Teil 7 meiner Serie »Blitzen lernen«

Für Nikon gibt es nur eine echte Alternative: Das 58mm 1.4G für F-Mount, das allerdings neu etwas teurer ist(aktuell 1899€*).

Bei Sony ist der direkte Konkurrent das SEL 50mm F1,4 Zeiss. Auch das ist neu etwas teurer als das Sigma. Für Sony ist allerdings auch das neue Sigma 50mm Art DG DN erhältlich, genau wie für den L-Mount. Zusätzlich gibt es für E-Mount-Kameras auch noch das Samyang AF 50mm F1.4 II, das ähnlich wie das Sigma auch schön weiches Bokeh setzt

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6. Preis & Fazit

Das Preisleistungsverhältnis des Sigma 50mm Art ist wirklich richtig gut. Und in seinem Preissegment hat es kaum ernsthafte Konkurrenz. Der Look ist unauffällig-zurückhaltend, man könnte sagen das Objektiv wird im Bild unsichtbar, auch weil es kaum verzerrt. Nur die Flares und somit die Vergütungen könnten etwas wärmer sein. Und eine Kleinigkeit hat mich auch schon ab und zu geärgert: Die Blende lässt sich nur bis F16 schließen. Hier würde ich mir noch eine Blendenstufe mehr (F22) für etwas mehr Flexibilität wünschen.

Das 50mm Art ist in jedem Fall ein wunderbares Brot und Butter-Objektiv für Portraits, Produktfotografie, Hochzeitsfotografie, und vieles mehr. Es hält auch dem Profi-Einsatz stand, solange man nicht häufig in anspruchsvollem Wetter unterwegs ist. An der spiegellosen Kamera funktioniert der Autofokus noch besser als an der DSLR, ich kann daher von ganzem Herzen auch die ältere Version empfehlen!

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2 Kommentare

  1. Hallo Kai.

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Test. Wir können uns voll und ganz anschließen und nutzen das Objektiv auch schon seit mehreren Jahren – mittlerweile auch unseren spiegellosen Z6 und Z6II.

    Leider haben wir einen Wasserschaden gehabt und seitdem kämpfen wir mit den Nachwehen. Das Objektiv haben wir schon 3x eingeschickt, aber der Autofokus ist bedauerlicherweise nicht mehr so exakt wie früher. Jetzt heißt es warten, bis das Objektiv hoffentlich mit Z-Mount erscheint. Bei der Suche bin ich übrigens auf deinen Blog gestoßen

    Beste Grüße

    Marcus

    • Hey Marcus, danke dass du deine Erfahrungen teilst!
      Vielleicht wäre ein gebrauchtes objektiv für die Übergangszeit besser als auf die z-Variante zu warten

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